Leserbrief:Losverfahren



Im Tagesspiegel vom 4.11. erschien ein Artikel, in dem das vorhersehbare Problem thematisiert wurde, dass bei einer Vorverlegung der Einschulung um 6 Monate mit der 1,5-fachen Anzahl Erstklässler zu rechnen ist. Hier der vollständige Leserbrief, der in gekürzter Fassung am 7.11. gedruckt wurde.


Von: kortenkamp@...

Betreff: Tagesspiegel vom 4.11.: Schulplätze per Losverfahren

Datum: 4. November 2004 17:27:28 MEZ

An: leserbriefe@tagesspiegel.de

Sehr geehrte Frau Vieth-Entus,

in ihrem Artikel "Schulplätze per Losverfahren" schreiben Sie "Schon jetzt ist absehbar, dass nächstes Jahr nicht alle Erstklässler an den Schulen ihres Wohngebiets untergebracht werden können" — das ist nicht ganz richtig. Es war vielmehr schon bei Beschluss des neuen Schulgesetz absehbar! Aber diese einfache Rechnung (wenn man anderthalb Jahrgänge einschult, dann muss die anderthalbfache Schülermenge erwarten) wurde offenbar nicht gemacht. Ich erwarte eigentlich, dass man bei solchen Entscheidungen die vorliegenden Zahlen genau überprüft, bevor man beschließt; dann hätte man auch gesehen, dass es auch in Berlin keinen drastischen Geburtenrückgang im Jahr 2000 gab...

Woher die Hoffnung kommt, dass "überzählige" Schülerinnen und Schüler in Nachbarschulen unterkommen können, ist mir nicht klar. Wenn 38 000 statt 25 000 Kinder eingeschult werden, dann sind das 13 000 mehr; wenn das funktionieren soll, dann muss man über 400 neue Klassen einrichten. Sind diese 400 Klassen wirklich möglich? Stehen im Moment 400 Räume jeden Tag leer? Gibt es 400 überzählige Grundschullehrerinnen oder -lehrer?

Welche Lösungen bleiben? Hätte man die Änderung über zwei oder mehr Schuljahre gestreckt, dann wäre alles halb so schlimm. Rückgängig kann das Gesetz nicht mehr gemacht werden; die Fakten wurden geschaffen, viele 5-jährige freuen sich auf die Schule. Man sollte aber wenigstens die Einschulung auf Antrag (mit 5 bis 5 1/2 Jahren!) in diesem Jahr aussetzen, um das Problem zu lindern.

Dass vorliegende Daten ignoriert werden scheint ein prinzipielles Problem dieser Tage zu sein. "Schon jetzt ist absehbar", dass in wenigen Jahren in Berlin nicht mehr genügend Lehrer ausgebildet werden können. Da bleibt nur eine Lösung: Wir führen zum Schuljahr 2005/06 — oder lieber schon zum Halbjahreswechsel 2005? — die allgemeine Schulpflicht ab zwei Jahren ein, um noch so schnell wie möglich viele Kinder durch die Schule zu schleusen... bevor Berlin bildungspolitischen Bankrott anmeldet.

Und noch ein Tipp für den nächsten Artikel: "Chaos bei der flexiblen Eingangsstufe" — wie organisieren die Schulen die in einem Jahr fällige Zusammenlegung der ersten und zweiten Klasse?

Mit freundlichen Grüßen

Ulrich Kortenkamp

Erstellt von: ulli letzte Änderung: Sonntag 07 of November, 2004 [11:17:55 UTC] von ulli